O’zapft is das Missverständnis

Dirndl um Dirndl und Lederhose um Lederhose umzingeln den Brotzeitstand. Und sie alle tun, was sie auf der Wiesn am liebsten tun: Saufen und flirten. Nirgends sonst lassen sich die Fremdsprachenkenntnisse so leicht auffrischen wie am Oktoberfest in München. Ausgefallene Flirttechniken sind überflüssig und der Biergeruch wirkt auf einmal anziehend. Oder eben doch nicht?

Zehntausend Krüge knallen im Hofbräuhaus aneinander. Wie im Chor hallt es durch den Raum: «Oans, zwoa, g’suffa!» Italiener, Amerikaner, Japaner – sie alle schreien es, die ersten drei Worte ihres Bayernwortschatzes. «Jetzt war ich gerade auf dem WC, aber es war so voll dort, ich konnte mir nicht mal die Hände abtrocknen. Hast du vielleicht ein Nastuch?» «Bitte, was?», fragt der junge Mann zurück. «Ein Nastuch, um die Hände abzuwischen.» «Ach so, ja klar, bitteschön.» Aus seiner Lederhose zieht er ein kariertes Stofftuch. «Wow, das ist ja cool!» Die junge Dame strahlt und reibt sich die Hände am Tuch trocken. «Bist du von hier?» «Ich komme aus Hannover. Und du kommst aus der Schweiz?» «Genau, wie hast du das so schnell erraten?» «Ganz einfach: das Nastuch. Weisst du, wir stecken unsere Tücher in die Tasche und nicht in die Nase. Darum nennen wir es Taschentuch.» Die junge Frau lacht. «Ich heisse übrigens Melanie.» «Freut mich, ich bin der Bernd.»

Bernd fackelt nicht lange und hakt bei der hübschen Brünetten nach: «Bist du das erste Mal auf der Wiesn?» «Ja, meine Eltern meinten, vor 18 würden sie mich nicht gehen lassen. Jetzt bin ich es und daher bin ich hier.» Bevor Bernd eine weitere Frage stellen kann, plappert sie auch schon weiter. Sie sei mit dem Car angereist und das Hotel läge nur zehn Gehminuten vom Gelände entfernt. «Das Zimmer ist mega ringhörig und die Spannteppiche sind ziemlich grusig, aber dafür ist es voll günstig.» Bernd überlegt einen Moment. «Oh sorry, langweile ich dich?» «Ähm, nein, ganz und gar nicht. Ich hab nur nicht alles verstanden. Spannteppiche, okay, das müssen spezielle Teppiche sein. Aber bitte, was ist ringhörig? Hältst du einen Ring an die Wand und versuchst, wie mit einer Ohrmuschel zu lauschen?» Melanie prustet erneut los und umschreibt die Wörter.

Inzwischen dröhnt die Musik wieder etwas lauter durch die Halle, eine italienische Gruppe tanzt auf den Bänken. «Das ist ja voll die lüpfige Musik und die Leute hier sind richtig aufgestellt.» «Ja, du hast Recht, die Leute stehen wirklich wie aufgestellte Marionetten auf den Bänken.» Melanie lässt sich nichts anmerken, aber auf seine Antwort kann sie sich irgendwie keinen Reim machen. Vielleicht versuche ich es mit einem anderen Thema, denkt sie sich. «Und was machst du, wenn du nicht am Oktoberfest bist?» «Ich bin Kraftfahrer.» «Wow, dann fährst du also voll die schweren Sachen herum?» «Nein, so schwer sind sie gar nicht, aber ich fahre ziemlich weite Strecken. Und was machst du?» «Ich bin Coiffeuse, mein absoluter Traumberuf. Da schaffst du zwar viel im Stehen, aber du kannst den Leuten eine Freude machen. Und als Lehrtochter geniesst du so manchen Bonus.» Noch ehe Melanie weiter erzählen kann, zupft sie eine junge Dame am Arm und flüstert ihr was ins Ohr. «Sorry, Bernd, ich muss gehen, ich hab meiner Freundin versprochen, dass wir noch Bärendreck essen gehen. «Darf ich deine Natelnummer?» Bernd ist völlig platt von diesen Infos und entschwindet in der Menschenmenge.

Draussen stösst er auf seine Kumpels. «Was ist denn mit dir los, du schaust ja völlig verdattert drein?» «Ich hab gerade eine Frau kennengelernt. Melanie, eine total süsse Schweizerin. Sie wirkte so unschuldig und normal… «Und, ist sie es nicht?», haken die Freunde nach. «Von wegen! Sie isst Bärenkacke und ist die Tochter eines Lehrers. Das ginge ja noch, aber jetzt kommts: Sie hat sich ihren Traum erfüllt, geht anschaffen und macht es grösstenteils im Stehen. Noch dazu mit weiblichen Gaffern, den Gaffeusen, wie sie es genannt hat. Dafür bekommt sie dann ‚nen Sonderbonus. Am Ende wollte sie auch noch mit mir irgendeine komische Nummer schieben. Irre, diese Schweizer…»

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4 Gedanken zu „O’zapft is das Missverständnis“

  1. Hihi, schöne Geschichte. Bei dem Teil mit der Natelnummer frag ich mich immer, ob man das eigentlich einfach so schreiben darf. Immerhin ist ja Natel eine geschützte Marke. :-)

    Liebe Grüsse
    Markus

  2. Ja, da bin ich mir auch unsicher. Aber ich hoffe jetzt einfach, Swisscom drückt bei Coiffeuse Melanie ein Auge zu. Sie konnte das ja nicht wissen. Und die Autorin hat sie nur Wort für Wort zitiert. 😉

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