Warum der Deutsche nichts von Fussball versteht

Deutsche müssen sich in der Schweiz für ihre Jobs rechtfertigen, sie schlagen sich mit über 20 Dialekten herum und essen ihre eigenen Landesgenossen: die Berliner. Als wäre das nicht schon schwer genug, kommt auch noch die Fussball-WM.

Glaubte der Deutsche bis anhin, er würde was von Fussball verstehen, wird er in der Schweiz eines Besseren belehrt. Das fängt schon bei der Schweizer Nati an. Um Himmels Willen, denkt sich der Deutsche, wer will schon gegen Neonazis aufs Feld ziehen, unbewaffnet und in kurzen Hosen? Gut, wird der Deutsche aufgeklärt, bevor er mit dem Sonderkommando seines Landes hier einrückt.

Sichtlich beruhigt lehnt sich der Deutsche im Stuhl zurück und schaut auf die grosse Leinwand. Um ihn herum lauter Schweizerinnen und Schweizer mit bemaltem Schweizerkreuz auf den Wangen. Ein rot-weisses Meer schlägt Wellen über dem Marktplatz. Nur vereinzelt entdeckt man einen mutigen Frankreich-Fan. Dann auf einmal Jubelschreie, alle springen auf von den Stühlen, auf der Leinwand erscheinen der Moderator und zwei Experten. Die Namen Matthias Hüppi, Alain Sutter, Gilbert Gress und Benjamin Huggel werden eingeblendet. Der Deutsche schmunzelt: Hüppi und Huggel, das müssen wohl die Schweizer sein.

Schon nach 20 Minuten Spielzeit ist die kreischende Euphorie geknickt: Frankreich liegt nach einem Doppelschlag mit 2:0 in Führung. In der 32. Minute das nächste Desaster: Es gibt Penalty! Bitte was? Penalty? Völlig konsterniert blickt der Deutsche auf die Leinwand. Ach so, einen Elfmeter! Da verwechseln die Schweizer wohl Fussball mit Rugby oder Eishockey. Aber im Moment wäre es wohl ohnehin nicht schlecht, sie könnten den Ball mit einem Schläger ins Tor manövrieren. Dann springen alle hoch von den Sesseln und jubeln: «Schö gsi, Benaglio! Was für en Super-Goalie!» Der Deutsche jubelt mit, insgeheim schmunzelt er. Die Schweizer scheinen völlig aufs Amerikanische abzufahren. Nach dem Penalty kommt der Goalie, was ja nichts anderes als der englische Ausdruck für Torhüter bedeutet. Ob sie in diesem Spiel je «Goal» schreien können? Im Moment sieht es noch nicht danach aus.

Auch in den weiteren Minuten haben die Schweizer wenig zu lachen. Sie werden von den Franzosen regelrecht vorgeführt. Erst als der Schiedsrichter Eckball anzeigt, werden die Fans wieder nervös und schreien: «Los, versenket dä Corner!» Okay, langsam verstehe ich es ja mit dem Englischen, also ist der Corner klar. Aber versenken? Wer will schon den Ball im Rasen vergraben? Egal, denn: Geht es so weiter, vergraben die Schweizer den Ball bestimmt irgendwo.

Immerhin gibt es dann in der 81. und 87. Minute doch noch einen Grund, «Goal» zu rufen. Aber am Ende hat es keine grosse Bedeutung mehr. Die Schweizer sind sichtlich geknickt nach der 2:5-Niederlage. «Was für en Scheiss-Match, man», sagt ein Fan zum Deutschen. Jetzt habe ich es endlich begriffen: Will man die Schweizer verstehen, muss man Englisch können. So einfach ist das. «He, chunsch au no mit e Rundi go töggele?» Bitte, was?

 

Nicht weniger missverständlich ist für den Deutschen das Schweizer Essen.

3 Gedanken zu „Warum der Deutsche nichts von Fussball versteht“

  1. ein herrlicher text, bei dem ich ostschweizer schön lachen musste. 😛 danke für die aufheiterung und noch viel spass beim tschüttele 😛

    1. Lieber Eric

      Das freut mich, dass ich Sie zum Lachen brachte. Und Spass beim Tschüttele habe ich bestimmt, denn wir haben sogar einen Tschütteli-Kasten im Büro. Also nicht in meinem Büro, sondern im Mitarbeiterraum. So können wir mittags herrlich das Essen verdauen. :-)

      Liebe Grüsse von der Ostschweizerin, die sich mit einem deutschen Chef herumschlägt, der sich nur noch Weltmeister nennt…

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