Was ein Deutscher in der Schweiz isst

Nichtsahnend und hungrig kommt ein Deutscher ins Restaurant und bestellt die Speisekarte, da sprudelt es aus der Kellnerin heraus: «Als Tagesmenü haben wir heute Schweinsbraten mit Kartoffelstock und Rüebli, dazu ein Glas Rivella und zum Dessert eine Kugel Schoggiglacé. Das Ganze für 15 Franken.» Bitte, was?

Ziemlich verwirrt guckt der Deutsche drein. Schweinsbraten, okay, das kann er ja noch nachvollziehen. Kartoffelstock ebenfalls. Auch wenn er nur Kartoffelbrei kennt. Aber bitte, was sind denn Rüebli? Und um Himmelswillen, wie hiess dieses Getränk nochmals? Bin ich danach etwa völlig berauscht? Sichtlich überfordert greift der Gast nach der Speisekarte, in der Hoffnung, was verständlich Essbares zu finden. Also, was haben wir denn da: Eine Bouillonsuppe mit Flädli. Gut, dass ich ein bisschen Französisch verstehe, eine Kraftbrühe also. Aber mit Flädli? Wenn es eine französische Suppe ist, oh Gott, dann könnten das kleine Schnecken sein. Okay, ich finde bestimmt eine andere Vorspeise. Hm, Nüssli- oder Randensalat. Kann ein Salat mit Walnüssen wirklich schmecken? Und warum –li? Sind es etwa Erdnüsse? Als Salat? Dann vielleicht doch Randensalat? Aber der bringt mich gerade an den Rand der Verzweiflung, weil ich mir so gar nichts darunter vorstellen kann.

Weiter gehts zur Hauptspeise. Aha, Rösti. Merkwürdig. Aber ich bin ja schlau: Irgendetwas Geröstetes, nehm ich mal an. Etwa altes Brot in Scheiben geschnitten und in der Pfanne geröstet? Mmh, Hohrücken tönt nicht schlecht. Das kann ja nur der Rücken oder sonst ein Teil eines Tieres sein. Hier sind auch wieder diese ominösen Rüebli, also noch nicht ausgewachsene Rüben, Junggemüse sozusagen. Und dann gibt es da noch Poulet im Körbli. Ich dreh durch. Was kann denn bloss in einem winzigen Körbchen hocken? Ein gerösteter Hamster etwa? Ein Zwergkaninchen?

Der deutsche Tourist versteht die Welt nicht mehr. Sichtlich überfordert liest er weiter. Da muss es doch was geben, was er versteht. Wieder ist da das Kartoffelbrei, das anscheinend mit dem Stock püriert wird. Und als wäre das alles nicht verrückt genug, serviert man hier auch noch gefüllte Peperoni. Ich wusste gar nicht, dass es die Schweizer derart scharf mögen. Ganz abgesehen davon, was hat denn schon Platz in einer Peperoncini? Bin ich jetzt bei der Diätsparte gelandet?

«Haben Sie schon was ausgesucht?», fragt die Kellnerin freundlich. Der Gast schüttelt den Kopf. «Sie müssen entschuldigen, aber es kommt mir vor, als sässe ich in der Hütte einer indischen Familie und lerne dort ihre exotische Küchenkultur kennen. Die Kellnerin lacht und klärt den verwirrten Gast auf.

Mittlerweile völlig fasziniert versucht sich der deutsche Tourist nochmals an der Speisekarte, um die Nachspeisen zu erraten. Halleluja, Erdbeeren, das verstehe ich. Aber mit Schlagrahm? Tönt wie Schlag den Raab. Nur, den möchte ich bestimmt nicht essen, weder geschüttelt, gerührt noch püriert oder stockiert. Verständlicher wird es nicht: Coupe Dänemark und Coupe Romanoff. Joghurtglacé und Zitronensorbet. Super, Sorbet ist klar, aber Glacé? Ich kenne nur den Glacier-Express. Aber der fährt nach Zermatt und nicht nach Dänemark oder Russland.

Und zum Schluss wird es sogar noch richtig unappetitlich: Da preisen sie auf der Karte doch tatsächlich diverse Fladen an. Etwa Kuhfladen? Das ist dann aber wirklich sch…

Seine Gedanken kreisen um den Kuhfladen, als plötzlich der Wirt vor ihm steht. «Isch es recht gsi?» Bitte entschuldigen Sie, ich hab nicht gesagt, dass etwas falsch war. «Ah, exgüsi, ich wollte Sie nur fragen, ob es Ihnen gschmekkt hat das Menü?» Ach so, ja, danke bestens. Zumal ich jetzt auch weiss, was es mit den winzigen Dingern in der Kraftbrühe auf sich hat und dass die Peperoni alles andere als scharf sind, weil damit ja die Paprika gemeint ist. Der Wirt strahlt. «Das freut mich. Hätten Sie gerne noch äs Kafi?» Kaffee meinen Sie? Sehr gerne. «Prima, ich rufe Ihnen gleich die Serviertochter, sie bringt Ihnen dann einen.» Schnellen Schrittes marschiert der Wirt zurück in die Küche. Währenddessen fragt sich der Gast, warum man der netten Kellnerin Serviertochter sagt. Sie kann ja schlecht die Tochter vom Service sein. Und wie hiesse dann der Kellner? Etwa Bediensohn? Den Gedanken nicht fertig gesponnen, steht auch schon die Kellnerin mit dem Kaffee da. «Sodeli, hier haben Sie Ihren Kaffee, dazu Rahm und ein hausgemachtes Guetzli.» Primeli, vielen Dänkli, antwortet der Gast sichtlich stolz, so schnell Schweizer Deutsch gelernt zu haben.

5 Gedanken zu „Was ein Deutscher in der Schweiz isst“

  1. Für uns Schweizer ist es aber auch nicht immer einfach, in Deutschland das Richtige auf der Speisekarte zu finden.
    Da finden wir 1 Paar Weisse mit Senf oder 1 Paar Wiener mit Senf. Tja, sind das jetzt Weisse, welche mit Senf serviert werden und schmecken denn die Wiener anders?

    Da kann man den Kartoffelstock mit Leberkäse essen, jetzt fragt sich aber, wie schmeckt der Käse von der Leber oder muss ich wissen, was Bratensulz mit Bratkartoffeln ist?

    Da befindet sich doch in jedem Land die eine oder andere Spezialität auf den Speisekarten. Aber das ist es doch, was es so interessant macht, auch mal im Ausland etwas «Typisches» auszuprobieren.

    Obwohl sich dann doch herausstellt, dass doch vieles ähnlich oder gleich ist. Somit stelle ich fest, dass wir mit unseren deutschen Nachbarn viel gemeinsam haben und der eine ohne den anderen nicht sein kann.

    Herzliche Sonnengrüsse aus der Schweiz an alle «nahverwandten Länder»
    Daniela

    1. Wenn ich mir das so vorstelle, dann esse ich wohl nie mehr Leberkäse! 😉 Aber wenn wir schon bei den unappetitlichen Bildern sind: In Wiener Cafés stehen auf der Karte der «kleine Braune» und der «grosse Braune». Dagegen ist unser Fladen ja gerade noch bildhaft schön! ;-))

      Trotz aller Horrorvorstellungen ist es genau das, was die Nationenküchen speziell und interessant macht. Ich wünsche allen eine gute Reise! Wo auch immer die Küchen einen hinführen.

    2. Ach, auch die Deutschen selbst haben es nicht immer leicht mit dem schmackhaften Vokabular. So weiss wohl jeder, was ein Rinder- oder auch Schweinebraten ist. Angesichts eines «Schmorbratens» auf der Speisekarte, sollen sich aber schon einige Hungrige gefragt haben, was für ein Tier denn der oder die «Schmore» sei.

      Naja, und ob das Gastro-Deutsch wirklich immer schmackhaft ist, frage ich mich auch, wenn in Norddeutschland «Grünkohl mit Pinkel» angeboten wird.

      En Guete

  2. Ich lächle, mit den Mundwinkeln leicht hämisch:
    Es ist immer ein Erlebnis, in den Speisekarten anderer Länder zu schmökern. Und dann wird die Überraschung serviert, was auch mir immer wieder passiert. Ein kleines Abenteuer, das ich nicht missen möchte.

    Doch gar so schlimm sind sie nicht, die Deutschen. Eine Rösti kennen schon viele, wie auch andere kulinarische Sprachverwirrungen und gar so duckmäuserisch und leis verhalten sie sich in Restaurants selten – leider manchmal eher im Gegenteil. 😉

    Amüsant ist es immer wieder. In jungen Jahren versuchte ich mir zum von der Kellnerin empfohlenen „Floharschplanzerl“ einen Reim zu machen. Es kam dann glücklicherweise ein Hacktätschli und kein auf dem Hinterteil eines Insekts gezüchtetes Gemüse. :-)

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