Wenn Herr und Frau Schweizer schreiben

Wir bestellen im Restaurant Voressen mit Teigwaren, trinken ein Panaché und warten im Bahnhofsbuffet auf den nächsten Zug. Im Hochdeutschen würde das bedeuten, wir kauen das Fleisch vor, trinken ein Radler und warten in der Vitrine auf den nächsten Zug. Ehe wir uns versehen, stolpern wir über so manchen schriftlichen Eidgenossen. Der Wecker klingelt, ich stehe auf, ziehe mich an und stärke mich mit einem Morgenessen, es gibt Müesli und eine Ovo. Dabei durchlaufe ich schon mal gedanklich den Tag. Plötzlich kommt Hektik auf. In 7 Minuten fährt mein Zug. Verflixt, warum passiert mir das immer wieder. In Windeseile hüpfe ich aufs Velo und düse zum Bahnhof. Das gibt’s doch nicht! Warum muss dieser Idiot einfach sein Auto vor den Veloständern parkieren und mir den Weg versperren. Unmöglich. Am Perron folgt eine weitere nervige Situation: Eine Schlange von Leuten wartet auf denselben Zug. Ob ich überhaupt einen Sitzplatz ergattere? Der Zug braust an, ich husche hinein, und siehe da, in einem Vierer-Abteil ist noch ein Plätzchen frei. Was für ein Aufsteller. Aber schon bald entpuppt sich der Sitzplatz als Misere. Zwei Jungs unterhalten sich. Der eine plagiert ohne Ende, während der andere angriffig reagiert, und zwar so laut, dass alle mithören können. Endlich im Büro angekommen wälze ich mich durch die dringendsten Aufgaben. Da kommt die Mail eines Arbeitskollegen: Er hat Geburtstag und lädt alle zum ausgiebigen Znüni ein. Das lasse ich mir natürlich nicht nehmen. Es gibt belegte Silserbrötli. Kurz vor Mittag steht eine Besprechung mit meinem Chef an. Wir müssen noch ausjassen, wer was macht bei einem grossen Neuprojekt. Dabei müssen wir einige Ideen bachab schicken. Der Nachmittag verläuft ziemlich hektisch. Alle wollen alles zur selben Zeit. Ziemlich ausgebrannt schlurfe ich abends zum Büro raus. Mist, dabei verpasse ich gerade den Zug. Der nächste fährt erst in einer halben Stunde. Zurück ins Büro mag ich nicht. Also setze ich mich ins Bahnhofbuffet und trinke eine Schale. Mmh fein, dazu gibt es ein selbstgemachtes Guetzli. Zu Hause mache ich mich an die Wäsche. Während der Tumbler läuft, versorge ich das Fondue-Geschirr im Estrich, stelle den Kehrichtsack nach draussen und erledige ein paar Schreibarbeiten am Pult. Inzwischen ist bereits nach 23 Uhr. Schluss für heute. Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht hätte ich die Helvetismen gar nicht kursiv schreiben müssen. Und doch bleiben sie oft unbemerkt. Sie sind ein Automatismus unserer Sprache. Mittlerweile sogar anerkannt im Duden. Es sind rund 3‘000 gängige Wörter, gekennzeichnet mit «schweizerisch», «mdal.» oder «mundartnah». In Texten, die sich vorwiegend an eine schweizerische Leserschaft richten, dürfen gängige Helvetismen bedenkenlos verwendet werden. Da sind sich mein deutscher Chef und ich einig. Und doch lacht er immer wieder über unsere Ausdrücke. Dabei hat er eigentlich gar nichts zu lachen. Denn bei ihm haben sich längst Mundart-Ausdrücke eingenistet. Das hört sich dann so an: «Der war aber gut angelegt». Dabei meint er gut angezogen. Oder: «Da könnte ich mich verschiessen» statt erschiessen. Diese Ausdrücke gibt es effektiv nicht im Hochdeutschen. Nicht mal als «schweizerisch» im Duden vermerkt. Und so frage ich dich, lieber Chef, wer hat da wirklich zu lachen: Ein Deutscher, der Schweizer Ausdrücke «verstandardisiert» oder ein Schweizer, der in der Standardsprache «helvetisiert»?

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