Willkommen in meinem Albtraum

Immer wieder starre ich in die untere rechte Ecke des Bildschirms. Es ist die Uhrzeit und das Datum, die da unten verharren. So wie ich, vor dem leeren Dokument, das ich vor gefühlten zehn Stunden eröffnet habe. Dabei sind in Wirklichkeit erst zwei Minuten vergangen.

Erneut starre ich in die untere rechte Ecke. Dann zum Fenster raus. Und wieder zurück auf das leere weisse Dokument. Es schaut mich an. Völlig ausdruckslos. So als wäre ich ihm total egal. Aber das bin ich ihm vermutlich auch. Sonst hätte es mich längst von meinem Elend befreit. Da taucht auf einmal eine kleine grüne Gestalt mit winzigen schwarzen Glubschaugen auf. Es glotzt mich an. «Na, fällt dir nichts ein? Eine kleine Schreibblockade eingefangen?» Die krächzende Stimme lacht hämisch, legt sich auf den Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

«Was willst du hier?», frage ich genervt. «Du brauchst gar nicht so zickig zu sein. Ich will dir helfen.» «Du willst mir helfen? Wie denn?», frage ich erneut. «Deine Blockade lösen.» Wieder dieses hämische Grinsen. Dann setzt sich das kleine Monster auf. «Schau, jeder Schreibende kennt das. Selbst die besten Schriftsteller leiden unter ihr. Oder glaubst du, die grossen Künstler haben aus Spass Drogen und Alkohol konsumiert?» «Na toll, dann soll ich jetzt vielleicht Morphium schlucken und mich in ein Ungeziefer verwandeln wie in Kafkas bekanntester Geschichte? Das würde meinem Kunden wohl kaum gefallen. Er will einen Produktetext, der die Konsumenten zum Kauf animiert und nicht abschreckt.» Entgeistert starre ich das Monster an.

Neben mir steht plötzlich ein Arbeitskollege. Er will dringend einen Satz abgeändert haben. Dann kommt der nächste Eilauftrag, ein Kunde hat die Einladungskarte für die Messe vergessen. Kurz vor Drucktermin soll auch noch die Headline eines Mailings anders lauten. Und der vierte will den Einstiegstext auf der Website gekürzt haben. Dann ist es wieder still im Büro. Wo war ich stehengeblieben? «Hey, du kannst dich nicht immer ablenken lassen, so wird das nie was mit dem Text», krächzt das Monster. «Du hast leicht reden, so ist mein Alltag nun mal. Hilf mir lieber aus dieser Misere raus.»

Doch das Monster bleibt still. Ich versuche mir die Techniken ins Gedächtnis zu rufen, die ich gelernt habe: Such dir einen kreativen, ruhigen Ort zum Schreiben. Schraube deine Erwartungen runter. Lese währenddessen andere Geschichten zur Inspiration. Recherchiere gründlich, um genügend Stoff zu haben. Erstelle ein Raster. Beginne mittendrin und mach dich nicht verrückt mit dem ersten Satz. Und zur Lockerung deiner Hirnmuskeln schreib einfach zusammenhanglose Sätze. Noch während ich darüber nachdenke, gleiten meine Finger über die Tasten. Immer schneller. Es sprudelt, fliesst und läuft. Ehe ich mich versehe, ist das leere Dokument mit dem Produktetext gefüllt. «Siehst du, es geht auch ohne Morphium oder sonstige Drogen», grinse ich jetzt hämisch. «Und du glaubst wirklich, du bist besser dran als Kafka?», lacht das Monster. «Schliesslich redest du mit grünen, kleinen Monstern, die in deinem Computer hausen.»

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